Liebes Publikum,
Die letzten Monate waren wahrscheinlich die intensivsten meines Lebens. Nicht nur musste ich nach längerer Zeit meine choreografische Sprache neu entdecken und präzisieren, sondern auch lernen, wie Produzieren in der freien Szene eigentlich funktioniert: Fördersysteme verstehen, Kontakte knüpfen, Veranstalter:innen anschreiben, kulturpolitische Zusammenhänge begreifen und versuchen, daraus Zukunftsperspektiven zu entwickeln.
Vor allem aber war da die Erfahrung, die ich gemeinsam mit Karl gemacht habe, meinem 83-jährigen Performancepartner in HEIMATKÖRPER, meinem ersten abendfüllenden Stück, das am 12. Juni seine deutsche Uraufführung im Hoch X Theatre and Live Art feiert und am 20. Juni seine Österreich-Premiere im Theater am Lend.
Der Wunsch, dieses Stück gemeinsam zu entwickeln, entstand eigentlich aus einem sehr einfachen Bedürfnis: verbunden zu sein.
Karl lebt in Österreich, ich in Deutschland. Vor fast zwei Jahren befanden wir uns beide an einem Punkt in unserem Leben, an dem vieles seinen Sinn verloren hatte. Aus unterschiedlichen Gründen wussten wir beide nicht mehr, wie oder ob es weitergehen soll.
Die Möglichkeit, gemeinsam dieses Stück zu entwickeln, bedeutete deshalb weit mehr als nur die Arbeit an einer Performance über Heimat. Durch die gemeinsame Arbeit begann etwas in unser Leben zurückzukehren: ein Gefühl von Sinn. Vielleicht auch Hoffnung. Das Gefühl, trotz aller Brüche noch immer mit anderen Menschen in Verbindung treten zu können und wieder einen Grund zu haben, morgens aufzustehen.
Gerade jetzt wird politisch immer wieder über den „Wert“ von Kunst diskutiert. Sobald Geld knapp wird, gehört Kultur oft zu den ersten Bereichen, bei denen Kürzungen angedacht werden. Kunst wirkt dann schnell wie etwas, das verzichtbar sei. Wie ein Luxus.
Doch die Arbeit an HEIMATKÖRPER zeigt für mich etwas anderes: Kunst kann weit mehr sein als das offensichtlich Sichtbare auf einer Bühne. Kunst kann Sinn erzeugen. Hoffnung geben. Verbindung schaffen.
Zum Beispiel dort, wo Kinder unterschiedlichster Herkunft im Schauspiel- oder Tanzunterricht plötzlich nicht mehr als einzelne Gruppen nebeneinanderstehen, sondern beginnen, sich als Gemeinschaft zu erleben. Dort, wo ältere Menschen durch kulturelle Arbeit wieder das Gefühl bekommen, gesehen und gebraucht zu werden. Dort, wo junge Menschen lernen, dass ihre Gefühle, Ängste oder Fragen einen Ausdruck finden dürfen. Dort, wo queere Menschen Räume erleben, in denen sie sich nicht erklären müssen. Dort, wo Menschen durch gemeinsames Singen, Tanzen oder Spielen für einen Moment aus Einsamkeit, Leistungsdruck oder gesellschaftlichen Zuschreibungen heraustreten können.
Das große Thema von HEIMATKÖRPER ist am Ende vielleicht gar nicht nur Heimat, sondern auch Hoffnung. Und das Wissen, entstanden aus eigener Erfahrung, dass Kunst und Kultur weit mehr bewirken können als das augenscheinlich Messbare. Dass sie Menschen verändern können, lange bevor sich dafür Worte oder Zahlen finden lassen.
HEIMATKÖRPER ist für mich dadurch auch zu einem Gegenargument geworden: gegen die Vorstellung, Kunst müsse sich immer sofort rechnen, erklären oder rechtfertigen. Gegen die Idee, ihr Wert ließe sich nur in Besucher:innenzahlen, Fördersummen oder wirtschaftlichem Nutzen messen.
Manchmal liegt ihre eigentliche Kraft genau darin, Räume zu öffnen. Räume, in denen Menschen wieder spüren, dass ihr Leben Bedeutung hat. Räume, in denen Verbindung entstehen kann, zwischen Generationen, zwischen Körpern, zwischen Menschen, die sich sonst vielleicht nie begegnet wären.
Und vielleicht ist genau das gerade wichtiger denn je.
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Dear audience,
The past months have probably been the most intense of my life. Not only did I have to rediscover and redefine my choreographic language after a longer period of distance from my own artistic practice, but I also had to learn how producing work in the independent scene actually functions: understanding funding systems, building connections, contacting venues, navigating cultural politics, and trying to develop future perspectives from all of this.
But above all, there was the experience I shared with Karl, my 83-year-old performance partner in HEIMATKÖRPER, my first full-length work, which premieres on June 12 at Hoch X Theatre and Live Art and on June 20 at Theater am Lend.
The desire to create this piece together came from something very simple: the need to feel connected.
Karl lives in Austria, I live in Germany. Almost two years ago, both of us found ourselves at a point in life where much of its meaning seemed to have disappeared. For different reasons, neither of us really knew how, or if things would continue.
The possibility of creating this work together became far more than just developing a performance about Heimat, about belonging. Through the process itself, something slowly returned to our lives: a sense of meaning. Perhaps also hope. The feeling that despite all fractures, it is still possible to connect with other people and to have a reason to get up in the morning again.
Especially now, the “value” of art is constantly being discussed politically. Whenever money becomes scarce, culture is often among the first areas where cuts are considered. Art quickly appears to be something unnecessary. A luxury.
Yet working on HEIMATKÖRPER has shown me something else: art can be far more than what is visibly presented on a stage. Art can create meaning. Offer hope. Build connection.
For example, in spaces where children from very different backgrounds no longer stand next to each other as separate groups in theatre or dance classes, but begin to experience themselves as a community. Where older people, through cultural work, regain the feeling of being seen and needed. Where young people learn that their fears, emotions, and questions deserve expression. Where queer people can enter spaces in which they do not have to explain themselves. Where singing, dancing, or creating together allows people, even if only for a moment, to step outside loneliness, pressure, or societal expectations.
In the end, the central theme of HEIMATKÖRPER may not only be Heimat or belonging, but also hope. And the understanding, born from personal experience that art and culture can have an impact far beyond what can be immediately measured or quantified. That they can change people long before words or numbers can describe how.
For me, HEIMATKÖRPER has therefore also become a counterargument against the idea that art must always justify itself immediately, explain itself, or prove its economic value. Against the belief that its worth can only be measured through audience numbers, funding sums, or financial impact.
Sometimes its true power lies precisely in opening spaces. Spaces in which people can once again feel that their lives matter. Spaces where connection can emerge between generations, between bodies, between people who otherwise might never have met.
And perhaps that is more important now than ever.